Die Wiederauferstehung des spanischen Radsports

Die goldene Zeit des spanischen Radsports

Spanien ist eins der großen Radsport-Nationen und spanische Mannschaften und Fahrer haben immer eine große Rolle auf der höchsten Ebene des Rennsports gespielt. Im Zuge der Erfolge von Miguel Indurain und Pedro Delgado gab es einen immensen Zufluss an spanischen Sponsoren in den Radsport und einen damit einhergehenden Anstieg von spanischen Mannschaften und Radfahrern in der Radsport Elite. Dieser Enthusiasmus brachte dann eine der stärksten nationalen Generationen von Radprofis mit Alberto Contador, Joaquim Rodriguez und Alejandro Valverde an der Spitze hervor. Im Jahr 2000 gab es vier spanische Mannschaften sowie 89 spanische Profis in der höchsten Klasse des Radsports.

Dies gab viel Raum für junge spanische Radsportler den Sprung in eine entsprechende Mannschaft zu schaffen in denen sie sich zu starken und Weltklasse Fahrern entwickeln konnten, ohne sich selbst verbrennen zu müssen um überhaupt die Chance zu erhalten eine Karriere im Radsport zu starten. Die Generation Contador, Rodriguez und Valverde hat während dieser goldenen Zeit des spanischen Radsports den Sprung zu den Profis geschafft und debütierten mit einheimischen Mannschaften. Die Namen O.N.C.E, Kelme, Liberty Seguros, Banesto (später Ibanesto) und Euskaltel-Euskadi lassen dabei noch heute viele Radsportenthusiasten aufleuchten.

Um die Jahrtausendwende gab es einen breiten Konkurrenzkampf um die größten Talente Spaniens und diese Talente hatten eine Fülle von Teams, bei denen sie sich als Helfer verdient machen und sich mit der Erfahrung, die das höchste Rennniveau bietet, zu besseren Fahrern entwickeln konnten. Spanische Radsportfans haben sich in dieser Zeit an diese Umgebung gewöhnt und niemand erwartete, dass diese Vormachtstellung in Gefahr sein könnte.

Die Talfahrt des spanischen Radsports

Große Dopingskandale und schließlich die Weltfinanzkrise von 2007-2008 brachten den Zufluss an Sponsorengeldern, welcher in den beiden Jahrzehnten zuvor den spanischen Radsport blühen lies, abrupt zum Erliegen. Dieses Umfeld, welches für selbstverständlich gehalten wurde, änderte sich als große Firmen den Finanzgürtel enger schnallen mussten. Von insgesamt 9 spanischen Profi-Mannschaften (davon 5 Pro-Tour Teams) in 2006 waren es von 2014 bis 2017 nur 2 spanische Mannschaften, wovon nur der Banesto Nachfolger Movistar in der World Tour (Nachfolger der Pro-Tour) ist.

Tabelle 1: Entwicklung des spanischen Radsports auf der Weltbühne 2006-2018

Diese Entwicklung wirkte sich negativ auf die Verteilung und die Anzahl der spanischen Radprofis auf der Weltbühne aus. Im Jahr 2003 waren 113 spanische Fahrer in der höchsten Klasse des Radsports unter Vertrag und somit war Spanien der größte Produzent von professionellen Radfahrern in der Welt. Als 2007 viele Mannschaften begannen sich aus dem Radsport zurückzuziehen, musste eine hohe Anzahl an spanischen Radfahren um einer immer geringere Anzahl an Kaderplätzen kämpfen. Daraus resultierte ein spürbarer demographischer Engpass, als ältere und erfahrenere Fahrer für weniger Geld unterschrieben und somit die Kaderplätze besetzten die in der Regel an die nächste Welle Neo-Profis gegangen wäre. Im Zeitraum von 2006 bis 2014 schrumpfte die Anzahl an Spaniern im World Tour Peloton um über zwei Drittel!

Der demographische Wandel wird erkennbar

Tabelle 2: Fünf Jahre nach der Finanzkrise: PCS World Ranking – Top 10 Spanische Radprofis am 31-Dec-2013

Die zehn besten spanische Fahrer des Jahres 2013 begannen Ihre Karriere in einer der zahlreichen einheimischen Mannschaft zu Beginn des Jahrtausends. Viele dieser Mannschaften gibt es nicht mehr und so waren es 2013 nur fünf der Top 10 die noch in der Heimat unter Vertrag standen. Von diesen fünf waren zwei bei Euskaltel-Euskadi unter Vertrag welches am Ende der genannten Saison ihr Engagement im Radsport einstellten.

Das Durchschnittsalter dieser Top 10 betrug 30,6 Jahre. Vergleicht man diesen Wert mit den Top 10 der zweit-erfolgreichsten Nation Italien (28,7 Jahre) und beachtet, dass Radfahrer im Schnitt mit 28 Jahren ihren Leistungszenit erreichen, dann ist der spanische Radsport auf der absteigenden Seite der Gaußkurve. Der einzige Fahrer unter 25 in den Top 10 war der Baske Ion Izagirre, der nach dem Ende von Euskaltel-Euskadi zu Movistar wechselte und dort als Edelhelfer für Alejandro Valverde und Nairo Quintana aktiv wurde. Das Ion Izagirre dann am Ende der letzten Saison zu Bahrain-Merida wechseln musste um eine Kapitänsrolle zu erhalten ist symptomatisch für die aktuellen Probleme im spanischen Radsport. Der zweite Euskalktel-Euskadi Fahrer aus der obigen Tabelle ist Samuel Sanchez, olympischer Straßenmeister 2008, der dann bis Februar 2014 keinen Arbeitgeber im Peloton finden konnte, ehe er für ein Jahr beim amerikanischen BMC Racing Team unterschrieb. Die besten spanische Radfahrer sind am altern und junge Spanier müssen immer öfters ins Ausland wechseln um größere Rollen zu erhalten, während U23-Fahrer nicht die Möglichkeiten haben sich zu entwickeln um diese erfolgreiche Generation fortzuführen.

Die Wiederauferstehung des spanischen Radsports?

Jetzt möchte ich auf die Nachrichten eingehen, die mich dazu inspirierten, diesen Artikel zu schreiben. Am 16. Mai dieses Jahres kündigte die Kontinental Mannschaft Euskadi Basque Country – Murias ihren Plan an ab 2018 in der zweiten Liga des Radsports teilzunehmen. Als Pro-Kontinental Mannschaft kann das Team Einladungen für World Tour Rennen beantragen und ermöglicht sich Zugang zu die größten Radrennen der Welt. Der Veranstalter der Vuelta a Espana hat diese Ankündigung bereits unterstützt und eine Teilnahme an der dritten Grand Tour des Jahres zugesichert. Das bedeutet, dass neun zusätzliche spanische Fahrer am größten spanischen Rennen des Jahres teilnehmen können. 2016 waren es 34 Franzosen die das größte Fahrerkontingentbei der Vuelta gestellt haben, was vor Jahren noch unvorstellbar war. Mit Euskadi sollte die Vuelta 2018 wieder in mehrheitlich spanische Räder fallen.

Darüber hinaus ist mir heute ein kurzer Artikel auf der Homepage des Ministerium für Sport der Provinz Burgos zu Augen gekommen. Anfang Juli wurde dort die Sponsoren Verlängerung der Burgos – BH Mannschaft verkündet. Team Manager Julio Andrés Izquierdo verkündet dort aber auch seine Pläne ebenfalls den Aufstieg in die Pro-Kontinental Klasse zu ersuchen um an der Vuelta a Espana teilzunehmen. Um dies zu verwirklichen befindet sich das Team auf der Suche nach einem Sponsoren der das Budget um 800.000€ erhöhen kann.

Falls beide dieser Unterfangen erfolgreich sein sollten, würde dies einen Anstieg von einer (Caja Rural) auf drei spanische Pro-Kontinental Mannschaften bedeuten. Diese Entwicklung folgt der Entwicklung der nationalen Amateurszene, die in den vergangenen Jahren eine Rückkehr von Sponsoren erlebt hat. Eine große Nachwuchsmannschaften ist zwar erst letztes Jahr aufgelöst worden (Seguros Bilbao), dennoch Professionalisieren sich Lizarte, Caja Rural Amateure, Fundacion Euskadi, Aldro Racing und Fundacion Contador immer weiter und passen sich wieder an den internationalen Standard an. Im letzten Jahr hat mit Lizarte zum Beispiel erstmals seit der Finanzkrise eine spanische Mannschaft am Giro Valle d’Aosta, dem zweit-prestigeträchtigsten U23 Etappenrennen, teilgenommen. Dieses Jahr waren am Rennen mit Lizarte auch Fundacion Euskadi und Fundacion Contador am Start gestanden.

Abgesehen vom Giro Valle d’Aosta haben Aldro, Fundacion Euskadi und Fundacion Contador auch an weiteren Rennen in Portugal und Frankreich teilgenommen. Die spanische Nationalmannschaft hat es in den letzten Jahren auch endlich geschafft eine Mannschaft abzustellen um am UCI U23 Nationen Cup teilzunehmen. Solche Wettkämpfe sind wichtig um sich auf einer internationalen Ebene zu messen um sich an die internationale Leistungsdichte anzupassen.

Die spanische Öffentlichkeit wartet schon lange auf den nächsten Superstar. Joaquim Rodriguez hat im Winter seine Karriere beendet, Alberto Contador scheint seine Konkurrenzfähigen Jahre bei den großen Landesrundfahrten hinter sich zu haben und der Dauerbrenner Alejandro Valverde muss sich jetzt mit 37 Jahren zum ersten Mal in seiner Karriere von einer schwerwiegenden Verletzung erholen. Vor fünf Jahren sahen die Aussichten grimmig aus diese Fahrer auf der Weltbühne ersetzen zu können und viele auf der nationalen Ebene erfolgreiche Nachwuchsfahrer mussten sich im Ausland umschauen oder den Traum begraben und sich einer akademischen Ausbildung widmen. Beispiele dafür sind Julen Amezqueta und Cristian Rodriguez die sich Wilier-Triestina(Italien) angeschlossen haben als sie keine Optionen in Spanien gefunden haben.  Enric Mas hat den Weg über Klein Constantia (Tschechien) genommen um bei Quick Step-Floors (Belgien) in der World Tour zu landen. Carlos Verona war bei Omega Pharma-Quick Step(Belgien) und jetzt bei Orica-Scott(Australien) unter Vertrag. Im vergangen Winter haben Jose Manuel Diaz bei Israel Academy Team (Israel) und Ivan Cortina bei Bahrain-Merida(Bahrain) ihren ersten Profivertrag unterschrieben.

Die aktuelle Welle an Nachwuchstalenten, die von der zusätzlichen Unterstützung und zurückkehrenden Sponsoren auf der nationalen Amateurebene profitieren, brauchen jetzt Zeit und die Möglichkeit sich auf der nächsten Ebene mit der Konkurrenz zu messen und daran zu wachsen. Diese Möglichkeiten waren in den letzten Jahren rar, denn Movistar und Caja Rural können nur so viele Fahrer neu einstellen. Der Aufstieg von Euskadi-Murias und der mögliche Aufstieg von Burgos-BH in die Zweite Liga kommt jetzt zu einem wichtigen Zeitpunkt und kann dabei helfen die Entwicklungsbrücke aus der nationalen Szene zu der World Tour zu bauen. Marc Soler, Enric Mas und Jaime Roson sind nur die Spitze der Fahrer die von einem wachsenden Nachwuchssystem profitiert haben. Seid bereit für Sergio Samitier, Fernando Barcelo, Oscar Rodriguez, Jaime Castrillo, Eduardo Llacer, Inigo Elosegui und viele weitere die versuchen werden der nächste Purito, El Pistolero oder El Bala zu sein.

Ist das die Wiederauferstehung des spanischen Radsports? Ich denke schon.

 

Update – 19. Juli 2017:

Gestern Nachmittag hat C.C.Rias Baixas, eine Amateur Mannschaft die am spanischen Pokal teilnimmt, ebenfalls Pläne vorgestellt um 2019 eine Pro-Kontinental Mannschaft aufzustellen. Teammanager José Luis Chamorro peilt ein Budget von drei Millionen Euro an und ist eine Kooperation mit der Gándara Moure Kanzlei eingegangen. Die Kanzlei soll den Rechtsweg übersehen und volle Transparenz für mögliche Sponsoren liefern. C.C.Rias Baixas hat sich für dieses Unterfangen auch die Unterstützung des 1986 Vuelta a Espana Siegers Alvaro Pino und des ehemaligen Kelme und ONCE Profi Marcos Serrano gesichert. José Luis Chamorro hat den September 2018 als Stichtag gesetzt bis zu welchem er alle Sponsoren an Bord haben möchte. Sollte alles funktionieren könnten 2019 erstmals seit 2007 wieder vier spanische Profi-Mannschaften in der Zweiten Liga fahren.

 

Dieser Artikel ist aus einem spontanen Beitrag auf /r/peloton entstanden, welcher von cyclingtorque.com  aufgegriffen wurde.

Ich hatte schon eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt einen Blog zu schreiben und so muss ich mich für diese Motivation bedanken.

 

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